Spiegelslustturm

Der höchste Punkt der Stadt Marburg ist nicht das Schloss, wie man vermuten könnte, sondern der Aussichtturm auf den Lahnbergen, der offiziell Kaiser-Wilhelm-Turm heißt und inoffiziell nur Spiegelslustturm genannt wird. Er steht auf 371m ü. NN und reckt sich von da noch 36m in die Höhe. Erbaut wurde der Spiegelslustturm aus feinkörnigem Sandstein.

Erklären wir zunächst, warum der Kaiser-Wilhelm-Turm in Marburg Spiegelslust heißt. Die Universitätsstadt Marburg war zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Zentrum der Romantik und das mittelalterliche Stadtbild passte gut zu diesem Zeitgeist. Perfekt sehen kann man die Stadt und das Landgrafenschloss von den Lahnbergen, weshalb ein Mann namens Köhler hier einen kleinen Rastplatz anlegte, die Köhlersruhe.

Als Köhler starb, übernahm der zum Studium in Marburg weilende Freiherr Spiegel aus Halberstadt im Harz die Pflege des Ausflugsortes und investierte: Es entstanden ein eiserner Musikpavillon, eine Steingrotte und ein Getränkekeller, was den Besucherandrang erheblich steigerte. Der Volksmund taufte den Ausschank kurzerhand Spiegelslust. Als der Freiherr Marburg verließ, übertrug er das Grundstück der Stadt Marburg, die hier eine Gaststätte anlegte.

Ab 1874 errichtete ein Bürgerverein mit Spenden einen ersten Turm. Die humanistische Konstruktion stürzte jedoch wegen mangelhafter Statik ein. Daraufhin wurde ab 1887 der zweite, etwas höhere Turm gebaut, der mit Strebepfeilern verstärkt wurde und noch heute auf den Lahnbergen steht. Am 2. September 1890, dem Jahrestag der Schlacht von Sedan, wurde der neue Turm nach dreijähriger Bauzeit als Kaiser-Wilhelm-Turm eingeweiht.

Während der Öffnungszeiten des Turmcafés haben Besucher die Möglichkeit, den Spiegelslustturm über die 167 Stufen im Inneren zu besteigen und in der renovierten Turmstube im Obergeschoss Lesungen zu hören oder Ausstellungen zu sehen. Von der Aussichtsplattform des Spiegelslustturms ergibt sich ein einzigartiger Rundblick auf Marburg, den Marburger Rücken und das Marburger Lahntal.

Studenten ohne Vordiplom – man könnte heute auch sagen: ohne Bachelorabschluss – sollten lieber nicht auf den Spiegelslustturm steigen, denn man munkelt, dass man ohne mindestens die ersten akademischen Weihen nicht würdig sei, den Ausblick zu genießen. Im Falle eines Fehlverhaltens muss man – so wird berichtet – zeitlebens auf Diplom, Master oder gar Promotion verzichten.

2006 wurde am Spiegelslustturm eine Lichtinstallation der Marburger Künstlerin Helmi Ohlhagen angebracht. Die Installation hört auf den Namen Siebensiebenzwölfnullsieben. Das liegt daran, dass man durch einen Anruf auf der kostenpflichtigen Telefonnummer 09005-771207 das Lichtbild aktiviert. Die Nettoeinahmen durch die Gebühren kommen vollständig gemeinnützigen Einrichtungen zugute.

Wenn man vom Spiegelslustturm wieder hinabsteigt und noch ein wenig Lust auf Kultur verspürt, dann ist ein Ausflug in das nahegelegene Kulturzentrum Waggonhalle in der Rudolf-Bultmann-Straße angeraten. Die Waggonhalle nahm 1996 ihren Betrieb auf präsentiert neben Theateraufführungen auch Tanz, Performance, Musik, Improvisation, Kabarett, Varieté und Literatur.

Vgwort