Schloss Heusenstamm

Wie sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rathaus von Heusenstamm wohl an ihrem Arbeitsplatz fühlen? Hoffentlich wohl, zumindest die Umgebung trägt recht viel dazu bei, denn das Rathaus ist in einem Schloss untergebracht.

Schloss Heusenstamm (auch Schloss Schönborn genannt) liegt nördlich des Stadtkerns und in dem herrschaftlichen Gemäuer werden rund 19.000 Einwohner verwaltet. Allein der Weg zur Arbeit, Baum gesäumt und mit Weihern, muss wie ein Flanieren sein. Das Schloss liegt am linken Ufer der Bieber und ist mehrteilig. Es gibt ein vorderes und ein hinteres Schloss.

Das vordere Schloss wurde sichtbar in zwei Epochen errichtet und bildet einen Innenhof. Am hinteren Schloss ist die Freilichtbühne am Bannturm, die regelmäßig, beispielsweise im Kultursommer-Südhessen, bespielt wird. Einst war das Schloss von Wasser aus der Bieber umgeben.

Am Standort war vor dem Schloss eine Burg der Grafen von Heusenstamm, die 1661 in den Besitz der Familie Schönborn überging. Philipp Erwein von Schönborn erbaute 1668 anstelle der Burg sein Wasserschloss. Es sollte dem Plan nach vierflügelig werden und Ecktürme haben. Gebaut wurde hernach die Vorderfront, die sich jeweils über zehn Achsen nach links und rechts des zweiachsigen Portals mit dem Rundbogen und dem Volutengiebelchen erstreckt. Die zwei kürzeren Seitenflügel kamen 1739-1742 dazu. Die Ecktürme an beiden Seiten kamen auch zur Ausführung. In einem waren Stallungen und in dem anderen Wohnungen für die Diener.

Der Schlossgarten wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts im französischen Stil angelegt. Alleen und Teiche sind wieder zu sehen, vieles andere des herrschaftlichen Parks von damals ist allerdings verschwunden. Direkt vor dem Schloss finden sich einige Reste der ehemaligen Orangerie. Das Schloss erlebte Nutzungen als Lazarett und Oberpostdirektion, bevor es 1978 zum Ratssitz ausgebaut wurde. Dabei entstand dann die Vierseiteranlage mit Innenhof, aber eben im Baustil der 1970er/80er. Man hat aber versucht, das Gesamtensemble mit dem Anbau nicht optisch hinzurichten.

Goethe berichtete in „Dichtung und Wahrheit“ vom Besuch des Kaisers Franz I. im Jahr 1764. Der loggierte im Schloss Heusenstamm anlässlich der Krönung seines ältesten Sohnes Joseph in Frankfurt. Zu Ehren des Kaisers wurde der prunkvolle Torbau am südlichen Eingang zur Altstadt errichtet mit den Steinlöwen und einem Wappen der Familie Schönborn. Man wollte sich an den siebentägigen Besuch des Kaisers erinnern und Graf Eugen Erwein von Schönborn ließ das südliche Stadttor durch diesen prunkvollen Torbau ersetzten. Der Torbau ist mit einem Mansarddach abgeschlossen. Früher wohnte der Torwächter darüber. Später wurden dort auch Hirten oder Bedürftige untergebracht.

In Heusenstamm gab es den Ausspruch: „aufs Tor kommen“, wenn von drohender Verarmung die Rede war. Wer danach „aufs Tor ging“, besuchte bis 2008 das Heusenstammer Heimatmuseum. Im Torbau lagern noch einige Altbestände des Museums. Der rund 800-jährigen Ortsgeschichte kann man jetzt auf die Spur kommen im Haus der Stadtgeschichte. Es ist in einer modernisierten alten Zehntscheune zu finden, in der Eckgasse nahe dem Schloss.

Das hintere Schloss zeigt sich als Wohngebäude und einem ein Stückchen abseits gelegenen Bannturm. Das hintere Schloss steht an der Stelle der früheren Burg. Die Schönborner setzten nach den Zerstörungen der Burganlage das hintere Schloss wieder instand und es wohnten Bedienstete darin. Später war es Kindergarten und auf dem Turm war zu Kriegszeiten eine Flakleitstellung. 1944 wurde seitens der Amerikaner versucht, diese zu bombardieren, man traf aber einen Teil vom alten Schloss. Der Bannturm war zeitweilig auch Gefängnis. Er zeigt sich immer noch wehrhaft mit seinen drei Geschossen und der Werksteinen an den Kanten. Das hintere Schloss und der Bannturm werden auch von der Verwaltung genutzt, als Veranstaltungsort sowie als Freilichtbühne.

Zum Schloss gehört die einstige Schlossmühle „Im Herrengarten 2“. Sie ist auch ein Baudenkmal und wurde um 1750 errichtet. Die Mühle grenzt an den Schlossgarten und das Ensemble besteht aus einem zweigeschossigen Wohnhaus, Stallungen, Scheune und Nebengebäuden. Sie wurde in Hofform gebaut.

Die Begräbniskirche des Heusenstammer Zweigs der Grafen von Schönborn liegt südlich vom Schloss nahe dem Alten Rathaus und ist ein besonderes Kleinod in Heusenstamm. Die katholische Pfarrkirche St. Cäcilia wurde 1741 nach Plänen des Barockbaumeister Balthasar Neumann fertiggestellt und ist der schmuckvollste Barockbau in Heusenstamm. Bei angebotenen Altstadtführungen in Heusenstamm werden Schloss, Kirche und Museum angelaufen.

Südöstlich vom Schloss liegt der Heusenstammer Friedhof. Darauf ist die Kapelle zum Heiligen Kreuz aus dem Jahr 1708. Sie war damals eine Feldkapelle zum Gedenken an den 1705 verstorbenen Reichsgraf Johann Erwein von Schönborn, er war nur 51 Jahre alt geworden. Italienische Stuckateure sorgen für die Verzierung im Innenraum mit Engeln und Kreuz.

Westlich gegenüber dem Schloss Heusenstamm prägt der Campus Heusenstamm Rhein-Main das Landschaftsbild mit drei ineinander laufenden Hochhauskomplexen, die in einem rund 100.000qm großen Landschaftspark liegen. Bei dem Wort Campus erwartet man meist eine Uni, dabei heißt Campus nicht mehr und nicht weniger als „freies Feld“ und das kann ein Spielplatz oder ein Schlachtfeld sein. In Heusenstamm ist es ein 2003 modernisierter Wirtschaftskomplex, wo Menschen Büros, Praxen und Arbeitsräume anmieten können. Drumherum bekommen sie Service durch das Bereitstellen von Parkplätzen, einem Empfangsbereich, Kantine, Kaffee-Ecke, Konferenzräume und es gibt sogar ein Schwimmbad und ein Fitness-Center auf dem Gelände.

Östlich des Schlosses Schönborn arbeitet die Natur, wenn man sie lässt und das soll so sein, denn hier liegt das Naturschutzgebiet See am Goldberg. Das Gebiet hat eine Größe von etwas über 12ha und ist ein wichtiger Ruheraum für seltene Vögel, insbesondere jene, die Wasser lieben. Bis Mitte der 1950er Jahre wurden auf dem Areal Kies und Sand abgebaut. Seit 1977 ist die Kiesgrubenlandschaft mit Schilf, Flachwasserzonen, Kiesbänken und Sanddünen ein Schutzgebiet und wurde renaturiert.

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