Winkel (Rheingau)

Gutsausschank Rauenthaler Berg im Weingut WernerGutsausschank Rauenthaler Berg im Weingut Werner

Da wo sich der 50. Breitengrad und der 8. Längengrad treffen, liegt ganz idyllisch am Rhein der kleine Ort Winkel, der sich zusammen mit Mittelheim und Oestrich 1972 zur Stadt Oestrich-Winkel zusammen geschlossen hat. Das Ortszentrum ist nicht auf den ersten Blick zu finden, doch sollte man es wohl am Sitz des historischen Rathauses ausmachen.

Gegenüber des Rathauses erhebt sich die katholische Pfarrkirche St. Walburga. An diesem Platz steht bereits seit etwa 850 eine Kirche, die 1213 durch einen Neubau ersetzt wurde, von der heute noch die unteren Teile des Kirchturms stammen. 1675-84 erfolgte ein völliger Umbau und Ausbau der Walburgakirche zu ihren heutigen Ausmaßen. Im Innern der Kirche lohnt ein Blick auf die wertvolle Sitzfigur des heiligen Rabanus über dem linken Chorgestühl, die aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts stammt.

Der heilige Rabanus begrüßt den Wanderer auch schon vor der Kirche in Form eines großen Denkmals. Der Grund ist einfach: Rabanus Maurus, Abt des Klosters Fulda und Mainzer Erzbischof, starb 856 in Winkel. Rabanus ist als erste Lehrer Germaniens in die Geschichtsbücher eingegangen. Von ihm stammt u.a. die 22bändige Enzyklopädie De Universo, eines der Hauptwerke der karolingischen Renaissance.

Winkel war für Rabanus so etwas wie ein Sommersitz. Er soll – so die Legende – im Grauen Haus direkt am Rhein logiert haben, was gut stimmen könnte: Bei Ausgrabungen am Grauen Haus fand man Reste eines Mauerwerkes, das aus dem 7. bis 9. Jahrhundert datiert. Damit gilt das Graue Haus in Winkel als das älteste aus Stein gebaute Wohnhaus Deutschlands.

In der Zeit, als das Graue Haus noch ein Neubau war, lag in direkter Nachbarschaft das heute nicht mehr vorhandene Bartholomäuskloster, das wohl schon vor 750 vom Mainzer Erzbischof gegründet wurde. Es wird kirchengeschichtlich als älteste zusammenhänge Ansiedlung im Rheingau geführt. Das Kloster diente u.a. der Versorgung der Erzbischöfe mit Wein. Auf Lateinisch heißt Weinkeller Vini cella und daher scheint auch der Name Winkel zu rühren.

Den guten Winkeler Wein wussten auch spätere Zeitgenossen zu schätzen. So war – wie so oft – Dichterfürst Goethe natürlich auch in den hiesigen Weinbergen unterwegs. Wenn er in Winkel war, wohnte er bei einer nicht minder bekannten Familie: den Brentanos. Diese hatten 1804 in Winkel ein Haus erworben, in dem Bettina von Arnim – so ihr Name nach der Hochzeit – zeitweise wohnte. In Winkel empfing sie nicht nur ihren Bruder Clemens von Brentano, sondern auch die Gebrüder Grimm, Christoph Martin Wieland, Goethe, Beethoven und wer sonst zu dieser Zeit in Sachen Kunst zu den ganz Großen zählte.

Eine regelmäßige Besucherin von Bettina von Arnim war auch Karoline von Günderrode. Diese als „Sappho der Romantik“ in die Literaturgeschichte eingegangene Dichterin lebte in einer Dreierbeziehung mit einem Heidelberger Professor. Als dieser die Ménage à trois beendete, nahm sie sich in Winkel das Leben und wurde an der Walburgakirche begraben.

Das Brentanohaus mit kleinem Park ist heute noch weitgehend original so erhalten wie zu den Zeiten, als sich Goethe, Grimms und Co. sich bei den Brenantos zum Wein setzten. Besitzer ist nach wie vor die Familie von Brentano, die hier in den historischen Räumlichkeiten Veranstaltungen durchführt.

Gegenüber liegt die Brentanoscheune. Sie wurde 1751 als Lohgerberei erbaut. Das stank den Brentanos so sehr, dass Bettina von Arnim die Nachbarschaft einfach nur „Hölle“ nannte. 1810 kauften die Brentanos dann die Gerberei und nutzten die Liegenschaften als Stall und Scheune. In den 1990iger Jahren weckte der Verein KulturHölle die Brentanoscheune aus ihrem Dornröschenschlaf. Nach erfolgreicher Sanierung ist die Brentanoscheune heute ein Kultur- und Event-Haus in städtischer Regie.

Vor Winkel liegt die Rheininsel Winkeler Aue, die nach dem Bau eines Strömungsleitwerks durch natürliche Anlandungsprozesse entstanden ist. Die Winkeler Aue ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Hier brüten u.a. Schwarzmilan, Graugans, Kanadagans und Höckerschwan. Auch Sumpfrohrsänger, Flußregenpfeifer, Gelbspötter, Nachtigall und Gartengrasmücke sind heimisch. Das Betreten der Winkeler Aue und der umliegenden Strömungsleitwerke ist zum Schutz der Tiere ganzjährig untersagt.