Neheim

Bis 1974 bildete Neheim zusammen mit dem Nachbarn Hüsten die Stadt Neheim-Hüsten. Dann wurde diese Stadt Arnsberg zugeschlagen, und seither bildet Neheim einen eigenen Arnsberger Stadtteil. Von Arnsberg aus gesehen liegt Neheim im Westen und nördlich der Ruhr - anders ausgedrückt ruhrabwärts und auf deren rechter Seite. Östlich des Ortes erhebt sich der Stingelskopf (250m), dahinter der Figgenberg (309m). Im Vergleich zu den Höhen, die ansonsten im Sauerland erreicht werden, ist das eher moderat.

Zwischen den genannten Gipfeln lässt es sich aber sehr schön wandern, denn dort erstreckt sich das Waldreservat Moosfelde auf 699ha Fläche. Das Waldgebiet ist fast vollständig geschlossen und geprägt von Buchen und Stieleichen. Nur wenige Nadelholzbestände stören dieses Bild. Je nach Niederschlagsmengen ist das Waldreservat von zahlreichen kleinen Bachläufen durchzogen - in Trockenperioden mit wenigen Niederschlägen trocknen diese allerdings zum großen Teil aus. Diese wechselfeuchten Böden bilden ein typisches Biotop, in dem sich Greifvögel wie Rotmilan oder Wespenbussard wohlfühlen, aber auch Grau- und Mittelspecht.

1263 erhielten die Arnsberger Grafen das Recht, die Siedlung Neheim zu befestigen wie eine Stadt, und es entstand eine arnsbergische Landesburg. Von dieser ist heute nichts mehr zu sehen, auch ist nicht ganz klar, wie sie tatsächlich aussah. Doch drei Burgmannenhöfe sind zumindest teilweise erhalten geblieben. Burgmannen nannte man die Mitglieder des niederen Adels, die sich um die Burg kümmerten und sie im Angriffsfall verteidigten. Wenn die Grafen anwesend waren, wichen die Burgmannen auf die Burgmannenhöfe aus, die als Lehen vergeben wurden.

Der Fresekenhof ist einer dieser Burgmannenhöfe, gelegen in dem engen Winkel, wo die Möhne in die Ruhr mündet. Ursprünglich hatte es neben dem Wohnhaus noch ein Wirtschaftsgebäude gegeben, das aber Ende des 20. Jahrhunderts abgerissen worden war. Das Haupthaus ist zweigeschossig über einem hohen Kellergeschoss und zeigt eine klassizistische Fassade. Sie entstand bei einem Umbau 1820.

Ganz in der Nähe liegt ein zweiter Burgmannenhof mit dem Namen Gransau. Beide Höfe stoßen direkt an die ehemalige Stadtmauer an, die an dieser Stelle teilweise erhalten ist. Am Gransauhof fällt ein Erker über der Stadtmauer ins Auge: ein Aborterker, der vor Jahrhunderten als Toilette diente.

Nach dem Fresekenhof ist auch eine jährliches Kirmes benannt, das Fresekenfest. Jeweils am ersten Oktober-Wochenende findet es in der Neheimer Innenstadt statt. Neben Fahrgeschäften und Buden gibt es einen verkaufsoffenen Sonntag, der die Menschen aus dem Umkreis anzieht.

Im Fresekenhof befindet sich eine Dauerausstellung über Leben und Wirken Franz Stocks. Abbé Franz Stock stammte aus Neheim, wurde aber bekannt durch sein Wirken als Seelsorger und Pfarrer der deutschen katholischen Gemeinde in Paris während der Besatzungszeit und des Zweiten Weltkrieges. In den Pariser Gefängnissen der Wehrmacht setzte er sich aktiv für die Gefangenen ein. Ebenfalls weithin bekannt ist sein Engagement im sogenannten Stacheldrahtseminar von Chartres, einem Priesterseminar innerhalb eines französischen Kriegsgefangenenlagers. Es existierte unter Stocks Leitung von 1945-47.

Übrigens stammt noch ein weiterer bekannter Franz aus Neheim: Franz Müntefering, früherer Vorsitzender der SPD, Arbeitsminister unter Kanzler Gerhard Schröder, Arbeitsminister unter Kanzlerin Angela Merkel und deren Vizekanzler ist gebürtiger Neheimer. Große Bekanntheit und Sympathie erhielt er darüber hinaus durch seinen Vergleich der internationalen Finanzelite mit gierigen Heuschrecken.

Aber zurück zu den Sehenswürdigkeiten von Neheim, und da ist eine unübersehbar: die gewaltige Pfarrkirche St. Johannes Baptist, die in der Bevölkerung auch den Beinamen Sauerländer Dom trägt. Die dreischiffige, neuromanische Basilika, entstand 1892-1913 aus rotem Backsteinmauerwerk. Imposant sind einige technische Daten: Die Johanneskirche ist 67m lang und 44m breit. Die lichte Höhe des Mittelschiffes beträgt gut 20m. Die beiden Osttürme ragen je 41m, der Westturm mit Kreuz und Hahn 83m in die Höhe.

Die Kirche verfügt über einen reichen Schatz an Kunstwerken, von denen einige ins Diözesanmuseum nach Paderborn gewechselt sind. Noch vor Ort ist das Triumphkreuz, das Ende des 13. Jahrhunderts gefertigt wurde. Es ist aus Eichenholz und trägt die Symbole der vier Evangelisten an den Kreuzenden. Im Innern gibt es sieben Altäre. Der Herz-Jesu-Altar enthält das Kreuzostensorium, ein monstranzähnliches Gerät für die Zurschaustellung der Kreuzreliquie. Es stammt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Etwa 1780 erhielt die Johanneskirche die Kreuzreliquie aus dem kaiserlichen Schatz zu Wien. Dort soll ein echtes, größeres Stück des Kreuzes Jesu sein. Die Kreuzpartikel befinden sich in einer ovalen silbernen Kapsel, die 1779 angefertigt wurde.

Dass Neheim so eine große Kirche benötigte, hatte u.a. etwas mit dem industriellen Boom zu tun, der in Folge der Leuchtenindustrie einsetzte. An diese stürmische Zeit erinnert heute das Museum für Licht und Beleuchtung. Mit aus Flachs gedrehten Lampendochten und pflanzlichen Ölen als Brennstoff begann die Geschichte. Später kamen Gas- und Petroleumleuchten hinzu. Das Museum umspannt in seiner Ausstellung aber noch einen viel größeren Zeitraum. Man könnte sagen, es beleuchtet die gesamte Geschichte des Lichtmachens, von eiszeitlichen Leuchtschalen bis zur Technik der Gegenwart. Ein Schwerpunkt liegt dabei ganz klar auf dem Barockzeitalter.

Mit der Industrie kamen neue Bürger und dadurch profitierte auch die evangelische Gemeinde, die 1860-62 aus Bruchsteinen die Christuskirche im neugotischen Stil errichtete. Zusammen mit Bauten aus dem späten 19. Jahrhundert, vorwiegend im Stil des Historismus, und einzelnen Fachwerkbauten, bildet die Burgstraße an der Christuskirche das historisch und denkmaltechnisch bedeutendste Ensemble in Neheim.

Ebenfalls im Zuge der Industrialisierung entstand eine starke jüdische Gemeinde in Neheim. Der aus Bad Berleburg stammende Noah Wolf kam als Unternehmer nach Neheim und war eine der treibenden Kräfte zur Gründung einer Synagoge. Die Nazis zerstörten die Neheimer Synagoge zwar, brannten sie aber nicht nieder, um die angrenzenden Häuser nicht zu gefährden. Mitte der 1980er Jahre wurde das Gebäude von zwei Privatpersonen erworben und umfassend restauriert. Durch die sorgfältige Wiederherstellung des Innenraums gilt die Neheimer Synagoge als besterhaltene Synagoge Westfalens. Seit 2001 ist der Jägerverein im Besitz der alten Synagoge, die heute nicht nur für Vereinssitzungen, sondern auch für Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Empfänge und Ehrungen genutzt wird.

Regionaler Bezug:

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