Kierspe

Folgt man der Volme von Meinerzhagen aus abwärts, erreicht man schnell Kierspe am westlichen Rand des Sauerlands. Die Ersterwähnung von Kierspe ist nicht ganz genau zu datieren - zwischen 900 und 1130 ist sie etwa anzusiedeln. Lediglich Burg Rhade ist bereits für das Jahr 991 belegt.

Kierspe liegt in einer breiten, offenen Mulde, umgeben von bewaldeten Bergkuppen. Insgesamt erreichen die Berge hier aber deutlich geringere Höhen als auf dem sich östlich anschließenden Ebbekamm. Gute 400 Höhenmeter erreichen etwa der Lauseberg (415m) direkt östlich von Kierspe, der Arney (465m) im Süden und der Heberg (413m) im Nordwesten.

Durch Kierspe fließt nicht nur die Volme. Hier entspringt auch die kleinere Kerspe, die nach Nordwesten fließt, die Kerspetalsperre füllt und nach 12,5km bei Wipperfürth in die Wupper mündet.

An der Kerspe-Quelle wird ein kleines Stück Tradition gepflegt: Hier gibt es ein Heiratswäldchen. Bevor man früher in Kierspe heiraten durfte, musste man nachweisen, sechs Eichen und sechs Apfelbäume gepflanzt zu haben. Ganz so rigide wird das zwar heute nicht mehr gehandhabt. Doch auf einem knapp 2ha großen Gelände nahe der Kerspequelle haben Brautpaare die Möglichkeit, ein Bäumchen zu pflanzen.

Das Zentrum des historischen Kerns von Kierspe bildet die Margarethenkirche. Es ist belegt, dass an ihrem Standort zunächst eine Holzkirche stand, die 1330 durch einen Steinbau ersetzt wurde, eine dreischiffige gotische Halle. Anfang des 19. Jahrhunderts veränderte man die Kirche stark, und es entstand die heutige evangelische Margarethenkirche.

Der Kirchturm stammt ebenfalls aus der Zeit dieses Umbaus, trägt aber dennoch eine barocke Zwiebelhaube - ein eher ungewöhnlicher Anblick in dieser Region. Im Inneren sehenswert sind die Emporen aus der Erbauungszeit, ein ungewöhnlicher Kanzelaltar und der klassizistische Orgelprospekt. Letzter geht zurück auf einen Entwurf des Berliner Baumeisters Schinkel zurück.

Nach der Namenspatronin der Kirche, der Heiligen Margarethe, ist übrigens auch das jährliche Highlight des Veranstaltungskalenders benannt: die Margarethenkirmes. Auf dem Gelände der Gesamtschule findet hier jeweils am zweiten Wochenende im Juli ein beliebtes Volksfest statt, das Besucher aus der gesamten Region anzieht.

Die katholische Kirche St. Josef im Glockenweg hat eine deutlich kürzere Geschichte. Dennoch ist sie nicht weniger interessant. Sie entstand 1959-61 unter der Regie von Kirchenbaumeister Professor Gottfried Böhm. Dass sie jetzt schon unter Denkmalschutz steht, hat sie ihrem ungewöhnlichen architektonischen Stil zu verdanken. Für die damalige Zeit muss der Bau mit den kubischen Formen und dem runden Turm ultramodern gewesen sein. Und auch heute noch ist der Anblick eher ungewöhnlich.

Einen Besuch wert ist auch das alte Amtshaus in der Friedrich-Ebert-Straße. Nicht nur wegen seiner Architektur, den die Lüdenscheider Zeitung zur Einweihung 1909 so beschrieb: „... kernfest, fast trotzig, wie die Berge, in seiner Einfachheit und Solidität der Landschaft angepasst, in welche es hereingestellt ist.“ Im Haus lebte der Amtmann, er hatte sein Büro hier und im Keller gab es sogar zwei Arrestzellen. Heute nutzen Heimatverein und Volkshochschule die Räumlichkeiten. Besonders interessant aber ist das darin untergebrachte Bakelit-Museum.

Bakelit als erster Kunststoff hatte von den 1930er bis in die 1960er Jahre eine enorme Bedeutung für Kierspe. Zu den Glanzzeiten gab es über 30 Betriebe, die alle nur denkbaren Produkte aus dem modernen Werkstoff herstellten. Das Bakelit-Museum informiert umfassend darüber und zeigt Küchenmaschinen, Lichtschalter, Aschenbecher, Föns und Schreibmaschinen und noch eine Vielzahl weiterer Gegenstände aus Bakelit.

Zwar nicht mit Kunststoff, aber doch mit Kunst hat die nächste Sehenswürdigkeit zu tun, der Raukbrunnen. Rauk ist ein altes Wort für den Raben, das Wappentier der Stadt Kierspe. Der heimische Künstler Waldemar Wien gestaltete den Brunnen, auf dem dem Namen gemäß mehrere Raben zu sehen sind. Zu finden ist der Raukbrunnen ganz in der Nähe der Margarethenkirche vor der Volksbank. Vom gleichen Künstler existiert übrigens noch ein zweiter Brunnen in Kierspe, der Spatenbrunnen vor dem Rathaus.

An die Zeit der Femegerichte im Mittelalter erinnert ein Baum, die Thingslinde. Sie steht ganz im Norden des Kernstadtgebiets und gilt als Naturdenkmal. Die mächtige Linde ist ein alter Gerichtsbaum, unter ihm wurde wohl so mancher Prozess geführt. Der Standort für die Linde war bewusst gewählt. Denn im Mittelalter verlief genau hier eine wichtige Straße, die Amsterdam mit Frankfurt verband. Der Baum war auf dieser Straße von weither sichtbar. Direkt gegenüber der Thingslinde wurde die Kaiser-Wilhelm-Linde gepflanzt, zu Ehren des Kaisers.

Ein bekannter Sohn der Stadt sei abschließend auch noch erwähnt. Trini Trimpop, seines Zeichens Gründungsmitglied der Toten Hosen, stammt aus Kierspe. Der Musiker und Filmemacher wurde 1951 hier geboren. Nachdem er bis 1985 in der Band gespielt hatte, war er noch sieben Jahre lang ihr Manager, bevor sich die Wege trennten.