Sichtigvor

Direkt an der Möhne zwischen Belecke und Allagen liegt Sichtigvor. Die Siedlung selbst breitet sich im Tal der Möhne aus, nach Südosten hin erheben sich einige moderate Berge: Narrenberg (339m), Ochsenrücken (356m) oder Brandige Berg (323m) sind hier zu nennen. Zeitweise war der Ort als möglicher Schauplatz der legendären Varusschlacht gehandelt worden, was aber trotz der Funde aus römischer Zeit inzwischen als widerlegt gilt.

Entdeckt hatte man die Relikte aus römischer Zeit - vermutlich die Abfälle durchziehender römischer Soldaten - am Loermund (299m). Diese Bergnase schiebt sich von Südosten her nahe an den Ort heran und überschaut das Möhnetal. Diese strategisch günstige Lage war wohl einer der Gründe dafür, oben auf dem Loermund eine Wallburganlage zu errichten. Aus dem Hochmittelalter stammen die Überreste einer Burg, die durch einen Halsgraben von einer noch deutlich älteren Wallanlage getrennt ist. Diese könnte sogar bis in die Jungsteinzeit zurückreichen, entsprechende Keramikfunde deuten dies an.

Zwischen acht und zehn Metern tief ist der Halsgraben, der die kleine Burganlage schützt. Östlich, rund 35m entfernt, gibt es einen zweiten Graben, während die Westseite allein durch die Lage im Gelände gut genug geschützt war. Anstelle der hochmittelalterlichen Burg befindet sich auf dem Loermund seit 1890 die Kreuzbergkapelle. Der dazugehörige Kreuzweg war schon 1845 mit hölzernen Stationen angelegt worden. 1865 ersetzte man diese durch Kreuze aus Sandstein.

Das heutige Sichtigvor entstand planmäßig im 17. Jahrhundert. Es diente als Wohnort für die Bediensteten der Deutschordenskommende. Der barocke Gebäudekomplex steht bis heute in Sichtigvor und wird wegen seines prächtigen Aussehens auch das Deutschordensschloss genannt. Franz-Wilhelm von Fürstenberg hatte das Deutschordensschloss 1680-90 erbauen lassen, die barocke Kirche des Klosters entstand kurze Zeit später zwischen 1707 und 1714. Schon zuvor, etwa Mitte des 13. Jahrhunderts hatten die Deutschordensritter in der Region einen großen Besitz. Im 16. Jahrhundert war der Standort die zweitmächtigste Komturei des Ordens nach Marienburg, als nämlich der Landkomtur von Westfalen 1544 seinen Sitz hierher verlegt hatte.

1809 säkularisierte man das Kloster. Das Deutschordensschloss fiel zunächst an Hessen-Darmstadt, sechs Jahre später an Preußen. In den folgenden Jahrzehnten dienten die Gebäude verschiedenen Zwecken: ein Mädchenpensionat der Salesianerinnen, eine Haushaltungsschule der Olper Franziskanerinnen, ein Kinderheim und eine Kindererholungsstätte waren darin zeitweilig untergebracht. Von 1994-2009 hatte die Gemeinschaft der Seligpreisungen dort gelebt, seitdem gehört die Anlage einem Investor.

Die ehemalige Klosterkirche dient heute als Pfarrkirche St. Margaretha der Kirchengemeinde Mülheim, zu der auch Sichtigvor gehört. Sie ist ein dreijochiger, gotisierender Barockbau mit nur einem Kirchenschiff. Der relativ niedrige Turm trägt eine welsche Haube, wie sie für die Erbauungszeit typisch ist. Sehr schön sind einige barocke Stücke der Inneneinrichtung, etwa die Kanzel von 1725 oder das Chorgestühl von 1728. Die Orgel wird ebenfalls auf den Anfang des 18. Jahrhunderts geschätzt.

Etwa von der Mitte des 19. Jahrhunderts an bis in die 1970er Jahre war das Kettenschmieden ein Handwerk, das viele Einwohner Sichtigvors im Haupt- oder Nebenerwerb ausübten. Daran erinnert das Kettenschmiedemuseum in der Möhnestraße. In dem Nachbau einer kleinen Heimschmiede sind zwei Essen eingerichtet, die vollständig funktionsfähig sind. Sogar ein Wasserrad gibt es. Früher trieb es die Blasebälge der Öfen an, heute sorgt es mit seiner Wasserkraft für die Stromversorgung des kleinen Museums. Wer das Glück hat, eine Vorführung des alten Handwerks zu erleben, kann sich ein Bild davon machen, welch mühevolle Handarbeit das Schmieden von Ketten früher war.