Rathaus Alsfeld

Man muss kein ausgewiesener Philatelist sein, um beurteilen zu können, dass es etwas besonderes ist, millionenfach auf einer Briefmarke abgebildet zu werden. Einer dieser Stars im Reich der Postwertzeichen ist das Rathaus in Alsfeld. Das Alsfelder Rathaus wurde 2011 auf einer 45-Cent-Marke verewigt. Das Besondere am Alsfelder Rathaus liegt übrigens nicht allein in seiner Schönheit begründet. Das Rathaus in Alsfeld gilt als bauhistorisches Zeugnis von Weltrang.

Grund ist der Übergang der Fachwerkbauweise vom bis ins 15. Jahrhundert vorherrschender Ständerbau zur Rähmbauweise. Kurz erläutert: Ein Ständerbau ist im Prinzip der Nachfolger einer einfachen Pfahlkonstruktion, bei dem die tragenden Balken das gesamte Haus halten. Der Rähmbau geht dagegen etagenweise vor: Jede Etage ist für sich tragfähig, so dass auch Obergeschosse mit größerer Fläche als der Grundriss des Hauses möglich werden. Das Alsfelder Rathaus gilt als eines der besterhaltenen Fachwerkhäuser der neuen Bauweise.

Das Rathaus in Alsfeld ruht auf einer steinernen Halle, die 1512-14 erbaut wurde. Das Erdgeschoss diente einst als Markthalle für Bäcker, Tuchmacher, Gewandschneider und andere Markttreibende. Die Elle als Kontrollmaß befindet sich noch heute am linken Pfeiler.

Der zweigeschossige Fachwerkaufbau entstand 1514-16 und zeigt plastisch die Vorteile der Rähmbauweise: Die Geschosse ragen über die Markthalle heraus und werden von einem steilen Giebeldach gekrönt. Vom Marktplatz aus fällt der Blick auf zwei Erker. Der gerundete Treppenturm und ein weiterer Erker, die zu spitzen Helmen auslaufen, sind von der Kirchplatzseite her zu bewundern. Zum Glück wurde das Ansinnen der Stadtoberen 1878 verhindert, das Rathaus abzureißen.

Im ersten Stock sind nun die Amtsräume des Bürgermeisters und des Magistrates. Über eine Wendeltreppe gelangt man in das zweite Obergeschoss. Der Ratssaal wurde auch als „Danzbodden“ genutzt. Ein Marburger Maler erstellte die noch heute zu sehenden Wandmalereien 1577. Imposant ist die prächtige Renaissancetür, gefertigt 1604 vom Alsfelder Kunstschreiner Michael Finck, der den Spruch „Godt bewahre deinen Eingangk und Ausgank von nuh an bis in Ewigkeit. Amen“, anbrachte.

Ebenfalls in diesem Stockwerk war die Gerichtsstube untergebracht. Die Darstellung der Justitia erinnert an den Zweck der Gerichtsstube. Allerlei Strafen wurden hinter dieser Türe verkündet, vom Anprangern über Gefängnis bis zur Todesstrafe. Heute gibt es das „Lebenslänglich“ nur noch in Form von Eheschließungen, denn der Saal wird nun als Trauzimmer genutzt. Wer nicht gleich diesen Schritt fürs Leben wagen will, hat Gelegenheit im Rahmen einer Rathausführung das Juwel Alsfelds auch von innen zu besichtigen und seine Geschichte zu erfahren.