Herscheid

Hiärschge, wie Herscheid im lokalen westfälischen Dialekt heißt, liegt eingebettet in einen Talkessel im Ebbegebirge, rundherum von bewaldeten Berghängen. Böllenberg (521m), Nümmert (585m), Berghagener Kopf (522m) und Spielberg (490m) umstehen den Hauptort der Gemeinde. Durch Herscheid fließt die noch junge Else, die von ihrem Quellgebiet im Naturschutzgebiet Nümmert aus in Richtung Osten hin verläuft und bei Plettenberg in die Lenne mündet.

Eine Besonderheit hat Herscheid zu bieten, die nicht direkt ins Auge fällt, aber eine Erwähnung wert ist: Es liegt sozusagen am deutschen Äquator, dem mittleren Breitengrad Deutschlands. Bei einer Wanderung durch das waldreiche Revier kann man also darüber sinnieren, ob man sich am südlichsten Punkt Norddeutschlands oder am nördlichsten Punkt Süddeutschlands befindet.

Dass hier schon früh menschliche Siedlungen zu finden waren, belegt die sehr alte urkundliche Ersterwähnung aus dem Jahr 904, in der von der Ortschaft Herisceithe die Rede ist. Der Name bedeutet übersetzt Hirschhöhe, und noch heute findet sich ein Hirsch im Wappen der Gemeinde. Der Hirsch und das jagdbare Wild allgemein spielten auch im 13. Jahrhundert eine wichtige Rolle für die Herscheider. Graf Engelbert wollte den Einwohnern für ihre Unterstützung im Kampf gegen das Kölner Erzbistum danken und ließ ihnen die Wahl zwischen einer Universität oder dem Jagdrecht. Die Herscheider entschieden sich für das Wild. Höhere Bildung sorgt eben nicht direkt für einen vollen Magen.

Sehenswert in Herscheid ist unter anderem die Apostelkirche aus dem 11. Jahrhundert. Die dreischiffige Hallenkirche hieß nicht immer so. Ihren Namen erhielt sie erst 1971. Damals war sie renoviert worden. Im Laufe der Arbeiten entdeckten die Arbeiter im Chor ein altes Fresko mit einer Darstellung der Apostel, und auch einige entsprechende Altarfiguren wurden gefunden. Die Kirchenwände sind ebenfalls mit Darstellungen der Apostel geschmückt, sie stammen aus der Barockzeit. Ein weiteres sehenswertes Detail ist das wertvolle alte Chorgestühl aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Der ehemalige Altar ist allerdings nicht mehr in der Apostelkirche zu sehen. Das schöne Stück kann heute im Burgmuseum in Altena besichtigt werden.

Von der Bedeutung der Eisenverarbeitung in der Region zeugen heute noch die vereinzelt erhaltenen Schmitten im Ober- und Unterdorf sowie im Ortsteil Waldmin. Die Schmitten waren kleine Werkstätten - die sprachliche Verwandtschaft des Namens mit den Schmieden ist ja nicht zu übersehen. In diesen Werkstätten wurden kleine Eisenteile wie etwa Nägel, Beschläge oder Ketten hergestellt.

An die Tradition der Eisenverarbeitung erinnert auch das Industriedenkmal des Banning-Luftschmiedehammers. Am Neuen Weg in Herscheid steht der Koloss, rund 12,5t schwer. Ursprünglich standen Hammerhütten meist an Flussläufen, um aus der Wasserkraft die nötige Energie zu beziehen. Mit der Entwicklung der Dampfmaschine wurden die Betriebe unabhängig von der Wasserkraft. Eine Weiterentwicklung dieser Technik waren die Luftschmiedehämmer. Sie wurden durch Druckluft bewegt. An diese Zeiten erinnert das Denkmal, das 1960 entstand, lange Jahre im produktiven Einsatz war und bis zuletzt funktionsfähig war. 1997 erhielt der Hammerkopf seinen heutigen neuen Standplatz.

Das heimliche Wahrzeichen von Herscheid sei am Schluss auch noch erwähnt: der Spieker. Der ursprüngliche Bruchsteinbau geht auf das 17. Jahrhundert zurück. Hinzu kam in etwa im Jahr 1800 der Fachwerkbau und ein Pferdestall. Das restaurierte Gebäude mit der charakteristischen Durchfahrt im Erdgeschoss wurde errichtet, damit die Einwohner hier ihre Kirchenabgaben in Form von Naturalien abliefern konnten. Heute befinden sich darin die Bücherei, ein Trauzimmer sowie seit Kurzem eine Heimatstube.