Neandertal

Das Neandertal ist weltweit bekannt, wurden doch hier die Knochen eines Verwandten des modernen Menschen gefunden. Dieser Neandertaler, wissenschaftlich homo neanderthalensis, machte das Neandertal berühmt.

Einen Bach namens Neander gibt es nicht. Das Neandertal ist vielmehr ein rund ein Kilometer langer Abschnitt des Düsseltals. Einst war dieses Gebiet eine etwa fünfzig Meter tief in den Kalkstein eingeschnittene Schlucht, die man nur das Gesteins oder die Klipp nannte. Als diese Schlucht noch existierte, zog es immer wieder den evangelisch-reformierten Pastor Joachim Neander hierhin.

Joachim Neander, 1650 in Bremen geboren, kam 1674 als Rektor der Lateinschule nach Düsseldorf. Er liebte die Abgeschiedenheit der Schlucht im Düsseltal und veranstaltete hier auch Gottesdienste. Daher begannen die Menschen bald, die Schlucht als das Neandertal zu bezeichnen. Ob Neander, der viele Kirchenlieder schrieb, auch seinen Hit „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ im Neandertal ersann, ist nicht überliefert.

Im 19. Jahrhundert begann man, im Neandertal Kalk abzubauen. Die Schlucht verschwand, dafür entdeckte man die Knochen eines prähistorischen Menschen, des Neandertalers. Es war 1856, als zwei Steinbrucharbeiter die Knochen fanden. Der Grubenbesitzer gab den Fund an den Wuppertaler Naturforscher Johann Carl Fuhlrott weiter, der die Entdeckung 1857 auf der Generalversammlung des Naturhistorischen Vereins der preußischen Rheinlande der Wissenschaftsöffentlichkeit präsentierte.

Zunächst glaubte die Fachöffentlichkeit nicht, dass zwischen Mettmann und Erkrath tatsächlich ein Vorläufer des Menschen gefunden wurde. Darwins Arbeiten zur Evolution waren noch nicht veröffentlicht und man glaubte zu dem Zeitpunkt nicht daran, dass sich aus einer Art eine neue entwickeln könne. Dementsprechend lange dauerte es auch, bis die Bedeutung der Funde anerkannt war, wenngleich das Taxon Homo neanderthalensis 1864 offiziell eingeführt wurde.

Da die Steinbrucharbeiten im Neandertal weiter gingen, war die Fundstelle bald vergessen. Sämtliche Gesteinsformationen und Höhlen sind den rund hundert Jahren Kalkabbau im Neandertal zum Opfer gefallen waren. Nur der sogenannte Rabenstein, eine Felsnase unmittelbar an der Straße und am Eingang zum Fundort des Neandertalers, blieb übrig. 1926 wurde eine Tafel angebracht, die an den Fund des Neandertalers und an Johann Carl Fuhlrott erinnert.

Erst seit den 1990er Jahren sind wieder Forscher im Neandertal aktiv. Man suchte den Originalfundort – und stellte fest, dass hier über Jahrzehnte ein Schrottplatz betrieben wurde. Man begann zu graben und sicherte zahlreiche neue Funde, u.a. den Milchzahn eines Neandertalerkinds und ein Stück eines Oberschenkelknochens, der zu dem Originalfund von 1856 passt.

Die Knochen, des im Neandertal gefundenen Neandertaler sind 39.900 plus-minus 620 Jahre alt. Der erste Neandertaler hatte einen nicht richtig verheilten Knochenbruch am Arm, so dass er diesen zeitlebens nur eingeschränkt benutzen konnte. Eine Stirnbeinverletzung lässt den Schluss zu, dass der Mann schmerzhaften Kontakt mit einem scharfkantigen Gegenstand hatte und er litt an einer chronischen Nebenhöhlenentzündung. Er starb im Alter von 40 bis 42 Jahren.

Es bleibt nach wie vor spannend – so spannend wie die Auflösung der Frage, ob der Homo neanderthalensis nun unser Vorfahr ist oder eben nicht. Hier kam die DNA-Entschlüsselung zum Einsatz. Man deutet das Ergebnis so, dass der Genfluss vom Neandertaler zu den Vorfahren der Nichtafrikaner erfolgte und zwar vor der Trennung der eurasischen Gruppen. Der Genmix ist jedenfalls schon lange her, so um 65.000 bis 47.000 Jahre. Und Forschungsergebnisse von 2014 sagen, dass davon nur noch rund 1% in den Chromosomen des Menschen vorhanden ist.

Bereits 1921 wurden Flächen rund um das Neandertal als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Das Naturschutzgebiet Neandertal gilt damit als ältestes Naturschutzgebiet Deutschlands. Heute ist ein Gebiet von 223ha als Naturschutzgebiet Neandertal ausgewiesen.