Hagen-Emst

Ein spannendes Stück Kulturgeschichte findet sich in der Walddorfstraße im Hagener Stadtteil Emst. Hier entstand im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eine Arbeitersiedlung nach Plänen des Architekten Richard Riemerschmid.

Die ursprünglich geplanten 87 Häuser, komplett mit Garten zur Selbstversorgung und mit Marktplatz und Gemeinschaftseinrichtungen wie einem Kindergarten, sollten den Arbeitern des Textilhandwerks zugute kommen. Allerdings entstanden in der Arbeitersiedlung Walddorfstraße zunächst nur elf Häuser. Der aufwändige rustikale Heimatstil, in dem sie gebaut sind, und der Ausbruch des Ersten Weltkrieges sorgten dafür, dass das Projekt nie fertiggestellt wurde.

Gebaut sind die Häuser übrigens aus grauem Kalkstein, der quasi vor der Haustür abgebaut wird. Die geologische Lage auf einem Massenkalkzug sorgt dafür, dass schon seit Jahrhunderten Steinbrüche in den Hagener Ortsteilen betrieben wurden und teilweise bis heute werden. Dolomit zum Beispiel, eine Sonderform des Kalksteins, wird für die Herstellung der feuerfesten Schamotte verwendet und in einem Steinbruch bei Hagen-Emst abgebaut.

Dass in Hagen städtebauliche Projekte wie das in der Walddorfstraße angestoßen wurden, hat die Stadt einem ihrer bekanntesten Söhne zu verdanken. Karl Ernst Osthaus war Kunstsammler und Mäzen, der sich dank eines großen Erbes den Dingen widmen konnte, die ihm wichtig waren. Dazu gehörte es, der durch die Industrialisierung drohenden Trostlosigkeit und dem kulturellen Verfall entgegenzuwirken, zum Beispiel durch Projekte wie die Walddorfsiedlung und die später darauf aufbauende Gartenvorstadt Emst.

Ein weiteres dieser Projekte ist die geplante Gartenstadt Hohenhagen, für die Osthaus ein größeres Gelände erwarb. Auch dieses Projekt blieb letztlich unvollendet. Das Zentrum der Anlage bildete die Villa Hohenhof, die bis heute erhalten ist und als Höhepunkt des Jugendstils in Hagen gilt. Henry van de Velde plante Villa Hohenhof von A bis Z. Bis hin zu Gebrauchsgegenständen des täglichen Bedarfs war hier alles durchgestaltet. Osthaus lebte einige Zeit in der Villa. In der Gartenanlage des Hohenhofs befindet sich heute das von Johannes Ilmari Auerbach 1922 geschaffene Grabmal von Osthaus.

Die Original-Einrichtung ist allerdings erst seit den 1980er Jahren wieder in ihrer vollen Pracht zu sehen, denn in der Zwischenzeit diente Hohenhof vielfältigen anderen Zwecken. Eine Reformschule, eine Handweberei, ein Lazarett und eine Frauenklinik waren hier zeitweilig untergebracht. Heute ist der Hohenhof als Museum des Hagener Impulses ein attraktives Gesamtkunstwerk, in dem auch regelmäßig Werkausstellungen renommierter Künstler gezeigt werden.

Als Hagener Impuls bezeichnet man einen Abschnitt der Kunstgeschichte, in der die Industriestadt im Sauerland einen international bedeutenden Beitrag leistete. Rund um Karl Ernst Osthaus entstand 1900-21 in Hagen eine Reformbewegung gegen die Strukturen des Wilhelminismus, die sich äußerlich als sogenannter Jugendstil darstellte. Hagen war einer der ersten Orte in Deutschland mit Bauten im Jugendstil und die Stadt, in der seine Weiterentwicklung in sachliche Gestaltungsformen betrieben wurde, die dann nach dem Ersten Weltkrieg im Weimarer und Dessauer Bauhaus zur Blüte kamen.

Der besondere Charakter des Hagener Impulses bestand darin, dass Osthaus versuchte, Hagen als Großstadt des Westens zum Gegenpol zur Machtzentrale Berlin zu entwickeln. Die wichtigsten Zeugen des Hagener Impulses sind das Karl-Ernst-Osthaus-Museum, der Hohenhof, die Künstlerkolonie Gartenstadt Hohenhagen, die Villa Cuno und die Arbeitersiedlung Walddorfstraße. Karl Ernst Osthaus entwickelte in diesem Zusammenhang den Folkwang-Gedanken, wonach Kunst und Leben versöhnbar seien.