Gießen

„Hier ist kein Berg, wo die Aussicht frei sei. Hügel hinter Hügel und breite Täler, eine hohle Mittelmäßigkeit in Allem; ich kann mich nicht an diese Natur gewöhnen, und die Stadt ist abscheulich“. Dies schrieb Georg Büchner 1833 seiner Frau Louise Caroline, um das Gießener Lahntal zu beschreiben. Doch dieses Verdikt lässt sich durch einen Stadtbummel durch die Universitätsstadt Gießen schnell widerlegen. Speziell in Sachen Veranstaltungen und Kultur hat Gießen so Einiges zu bieten.

Beginnen wir unseren Stadtrundgang am neuen Rathaus, das sich direkt am Berliner Platz befindet. Das Gießener Rathaus öffnete 2009 in einem neuen Gewand seine Pforten und beherbergt nicht nur den Verwaltungssitz der Stadt, sondern ist auch das kulturelle Zentrum mit Kunsthalle, Stadtbibliothek und Konzertsaal. Die Kunsthalle bietet mit 400qm Fläche den nötigen Raum für wechselnde nationale und internationale Ausstellungen.

Nur einen Katzensprung entfernt auf der gegenüberliegenden Seite des Berliner Platzes in der Johannesstraße stößt man auf das Stadttheater. Dieses historische Gebäude erinnert durch die Inschrift am Haupteingang an die Solidarität der Gießener: „Ein Denkmal bürgerlichen Gemeinsinns“. Das Stadttheater wurde 1906 zu zwei Dritteln durch Spenden der Bürgerinnen und Bürger finanziert. Auf zwei Bühnen werden im Gießener Stadttheater Opern, Operetten, Musicals, Tanztheater sowie zeitgenössisches und klassisches Schauspiel aufgeführt.

Zwischen Südanlage und Johannesstraße liegt der Theaterpark. Im Theaterpark lassen sich die Skulpturen des ersten Gießener Bildhauer Symposiums sowie das Röntgendenkmal bewundern, welches 1962 von dem Berliner Künstler Ernst Reuter zu Ehren Röntgens entworfen wurde. Hier wird ein Naturstein von Metallstäben durchdrungen, was Röntgens große Entdeckung, die Röntgenstrahlen widerspiegeln soll.

Weiter durch den gemütlichen, mit vielen Bäumen und Sitzbänken bestückten Theaterpark bahnt sich der Weg zur evangelischen Johanneskirche, die mit einer Turmhöhe von 75m die höchste Kirche in Gießen ist. Erbaut wurde die Johanneskirche 1891-93 in einem interessanten Mix verschiedener Baustile. Außen herrschen Elemente der Spätromanik und Renaissance vor, während das Innere der Kirche durch den gotischen Stil geprägt ist.

Folgt man der Johannesstraße Richtung Norden gelangt man auf die Haupteinkaufsstraße Gießens, den Seltersweg. Biegt man von der Johannesstraße kommend rechts ab, kommt man zunächst an den Drei Schwätzern an der Ecke Plockstraße vorbei.

Eine Straße weiter hinter der Plockstraße, nach rechts abbiegend, kommt man in den Neuenweg. Diese schöne mit Kopfsteinpflaster geschmückte Straße beherbergt das Gasthaus Zum Löwen, heute ein italienisches Restaurant. Der Gießener Löwe hat eine lange Tradition, denn hier übernachtete und speiste schon Johann Wolfgang Goethe im Jahre 1772.

Biegt man die nächste Straße links ab, durch die Weidengasse und die nächste wieder links befindet man sich auf der Neuen Bäue. Nach weiteren zwei Minuten erreicht man rechterhand den Kirchenplatz. Hier befindet sich heute nur noch der Kirchturm der Gießener Stadtkirche, die zwischen dem 13. und 14.Jahrhundert erbaut wurde. Große Teile der Stadtkirche wurden im Dezember 1944 zerstört. Der Glockenturm ist das älteste Gebäude im Stadtkern und gilt als eines der Wahrzeichen Gießens. Kommt man zur vollen Stunde auf den Kirchenplatz, kann man dem Glockenspiel zu hören.

Hinter dem Kirchturm befindet sich in der Georg-Schlosser-Straße die Pankratiuskapelle. Die Pankratiuskapelle entstand zunächst als Notkirche für die zerstörte Stadtkirche, indem die Trümmer der Stadtkirche mit den Fundamenten der Kapelle verbaut wurden.

Nahezu direkt neben der Pankratiuskapelle, am Kirchenplatz 6 befindet sich das Wallenfelssche Haus. Es beherbergt einen Teil des Oberhessischen Museums, nämlich die Abteilung für Vor- und Frühgeschichte, Archäologie und Völkerkunde. Neben Funden aus Troja, Griechenland und dem Römischen Reich ist dieser Ort der passende Platz für alle, die sich für die Kultur Tibets interessieren. Neben zahlreichen Buddhafiguren sind auch Silberamulette und tibetische Gebrauchsgegenstände ausgestellt. Ein besonderes Highlight ist das Sandmandala, welches 2006 von einem tibetischen Mönch angefertigt wurde.

Hinter dem Stadtkirchenturm direkt neben dem Wallenfelschen Haus befindet sich das Leibsche Haus mit der Abteilung für Stadtgeschichte und Volkskunde. Hier wird die Geschichte der Stadt Gießen seit dem 12.Jahrhundert anhand von Karten, Ölgemälden, Urkunden und Fotografien präsentiert. Besonders interessant ist ein Modell, dass die Gießener Altstadt zeigt, bevor sie zerstört wurde. Beide Häuser dienten im Mittelalter als Burgmannenhäuser. So wurden Männer des niederen Adels bezeichnet, die eine Burg bewachten und verteidigten.

Macht man einen Abstecher Richtung Westen, kann man zunächst zum Einkaufszentrum Neustädter Tor laufen, wo es dann über die Lahnbrücke zum Gieskannenmuseum geht. Dieses Museum befindet sich direkt vor der Klinkelschen Mühle, welche früher der Stromerzeugung diente und heute ein modernes Wohn- und Bürohaus ist. In diesem Museum dreht sich alles um den Alltagsgegenstand Gieskanne. Die Sammlung soll sich durch Schenkungen von Gießener Bürgerinnen und Bürgern und aus dem Umland bis zur Landesgartenschau vergrößern. Weiter westlich auf der Hardt, befindet sich der 15m hohe Bismarckturm, der 1905-06 entstand.

Bleibt man in der Stadt ist der Weg östlich durch die Schlossgasse vorbei am Institut für Geographie eine schöne Umgebung, um den Stadtrundgang fortzusetzen. Weiter Richtung Osten gelangt man in die Gutfleischstraße zum Naherholungsgebiet Schwanenteich, welches sich zwischen dem Stadtteil Wieseck und dem so genannten Philosophenwald befindet.

Wer sich mehr für Kunst und Geschichte interessiert, läuft weiter südlich über Ringallee und Wolfstraße zum Alten Friedhof. Nach überqueren der Licher Straße erreicht man ihn und kann einen kurzen Abstecher zum Röntgen-Grab einlegen. Neben ihm sind hier auch die Mediziner und Pharmakologen Rudolf Buchheim und Philipp Phoebus begraben. Der Friedhof, welcher von 1529-30 angelegt wurde, wird heute als Parkanlage genutzt und steht als Gesamteinheit unter Denkmalschutz. Zum Friedhof gehört die Lutherkapelle, die 1623-25 durch den damaligen Gießener Stadtbaumeister Johannes Ebel zum Hirsch erbaut wurde. Seit 1927 nutzt die Evangelische Luthergemeinde die Kapelle und hält dort Gottesdienste ab.

Direkt am Ende des Friedhofs befindet sich der seit 2003 etablierte Neue Kunstverein mit einem Kunstkiosk. Das Gebäude existiert seit 1937 und wurde zunächst als Toilettenanlage und Kiosk genutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente es als Wasserhäuschen. Das Einmalige an diesem Kunstverein ist der Ort, in dem er sich befindet: er strotzt nicht durch Größe und viel Raum, sondern ist im Gegenteil der wohl kleinste Kunstverein Deutschlands mit dazugehörigem Kosmos-Kiosk, wodurch die Kiosk-Kultur in Deutschland erforscht werden soll. Da Kioske immer häufiger aus dem Gießener Stadtbild verschwinden, organisierte der Kunstverein auch Kiosk-Exkursionen in die oberhessische Stadt an der Lahn.