Wenn der Tee wichtiger wird als die Aussicht


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Gipfelrast im November, irgendwo im Oberharz, kurz nach halb zwölf. Der Wind kommt von Westen, die Sicht reicht vielleicht dreihundert Meter, und ich ziehe die Handschuhe aus, weil es anders nicht geht. Zwei Minuten habe ich, länger halten die Finger das nicht durch. Deckel der Thermoskanne abschrauben, Becher füllen, Dampf steigt auf, erster Schluck. Süßer, heißer Früchtetee, und für einen Moment ist der Wind egal. Dann Handschuhe wieder an, Becher in beide Hände, und ich stehe da und begreife zum wiederholten Mal, dass sich meine Verpflegungsplanung irgendwann im Oktober komplett umgedreht hat.

Im Sommer ist Essen auf Tour eine Nebensache. Man setzt sich ins Gras, packt aus, was da ist, und bleibt sitzen, solange es schön ist. Im Winterhalbjahr ist Verpflegung dagegen Planung, und zwar eine, die über die Qualität des ganzen Tages entscheidet. Kalte Finger, ein eingefrorener Riegel und lauwarmes Wasser aus der Flasche können eine an sich schöne Tour ziemlich freudlos machen. Umgekehrt gilt: Wer die Pausen im Griff hat, hat den Winter im Griff. Der Rest ist Kleidung und Tageslicht.

Das wichtigste Ausrüstungsstück der kalten Monate ist für mich deshalb keine Jacke und kein Schuh, sondern die Thermoskanne. Ich habe über die Jahre einige durchprobiert und bin bei einem schlichten Edelstahlmodell mit einem Liter Volumen gelandet, dazu eine kleine Reserve mit einem halben Liter für lange Tage. Entscheidend ist weniger die Marke als die Handhabung: Die Kanne muss sich mit Handschuhen öffnen lassen, der Deckel muss als Becher taugen, und sie gehört vor dem Befüllen mit heißem Wasser vorgewärmt, sonst verliert man die ersten zehn Grad schon zu Hause. Richtig befüllt hält so eine Kanne von der Morgendämmerung bis zum Nachmittag eine Temperatur, bei der man sich noch die Zunge verbrennen kann. Glaskolben isolieren theoretisch besser, haben in meinem Rucksack aber keine zwei Saisons überlebt, seitdem kommt mir nur noch Edelstahl mit.

Beim Inhalt bin ich nach vielen Experimenten beim süßen Tee gelandet, meistens Früchte- oder Kräutertee mit ordentlich Honig oder Zucker. Das klingt unspektakulär, funktioniert aber besser als alles andere. Kaffee trocknet mich auf Dauer aus, pure Brühe ist mir mittags zu deftig, und kaltes Wasser trinkt man bei zwei Grad schlicht zu wenig, der Körper verlangt einfach nicht danach. Warmer, süßer Tee dagegen liefert Flüssigkeit, Wärme und schnelle Energie in einem, und er wird auch dann noch gern getrunken, wenn der Appetit längst im Windschatten verschwunden ist. Kakao ist die Luxusvariante für besondere Tage, braucht aber eine eigene Kanne, weil er jede Teefüllung danach geschmacklich übernimmt.

Beim Essen verändert die Kälte die Spielregeln gründlicher, als man denkt. Schokolade zum Beispiel ist bei 25 Grad im Rucksack eine klebrige Katastrophe und bei 2 Grad ein anderes Produkt: hart, spröde, fast glasig, sie bricht wie dünnes Holz und schmilzt nur langsam im Mund. Ich habe gelernt, sie in der Innentasche der Jacke zu tragen, da hat sie bei der Rast genau die richtige Konsistenz. Vollmilch funktioniert kalt besser als sehr dunkle Sorten, und Schokolade mit Keks oder Nüssen lässt sich auch mit klammen Fingern vernünftig portionieren. Dasselbe gilt für Riegel: Ein Müsliriegel, der morgens im Auto noch weich war, ist auf dem Kamm ein Stück Beton. Wer ihn essen will, trägt ihn am Körper oder schneidet ihn zu Hause in Stücke.

Überhaupt sortiere ich die Winterverpflegung nach zwei Kriterien: Sie muss energiedicht sein und sie darf weder gefrieren noch krümeln. Bewährt haben sich Nüsse und Studentenfutter, Datteln und Soft-Aprikosen, Marzipan, das auch bei Frost weich bleibt, Nussecken vom Vortag und belegte Brote mit festen Zutaten, in Backpapier gewickelt statt in raschelnder Folie. Mürbe Kekse scheiden aus, die Krümel verteilen sich in jeder Rucksacktasche. Obst nehme ich im Winter kaum noch mit, ein halb gefrorener Apfel macht keine Freude, höchstens eine Banane für die erste Stunde. Die Faustregel, die sich bei mir eingeschliffen hat: Alles, was ich mitnehme, muss sich mit Handschuhen aus der Tasche holen und in drei Minuten essen lassen. Traubenzucker ist mein Notgroschen für den letzten Anstieg, er wiegt nichts, funktioniert bei jeder Temperatur und hat mir mehr als einen zähen Nachmittag gerettet.

Den Vorrat dafür führe ich zu Hause inzwischen wie eine kleine Speisekammer, ein eigenes Fach im Schrank nur für Tourenverpflegung. Riegel, Tee, Nüsse, Schokolade und Traubenzucker lassen sich bequem online einkaufen, ich bestelle den Nachschub meist gesammelt beim Online-Supermarkt Capalus, dann kommt alles in einem Paket und das Fach ist vor der Saison wieder voll. Der Effekt ist simpel, aber spürbar: Am Abend vor der Tour muss ich nicht mehr durch die Küche suchen oder um 21 Uhr noch zur Tankstelle fahren, sondern greife ins Fach und packe. Gerade im Winter, wo ohnehin mehr Ausrüstung zusammenkommen muss, ist jede gesparte Entscheidung am Vorabend Gold wert.

Die zweite große Umstellung neben dem Essen selbst ist der Rhythmus der Pausen. Im Sommer ergibt sich die Rast, im Winter wird sie geplant. Die Tage sind kurz, im Dezember bleiben in den Mittelgebirgen kaum acht Stunden brauchbares Licht, und wer um neun startet, sollte um halb vier wieder unten sein. Lange Picknicks passen da nicht hinein, und sie funktionieren auch körperlich nicht: Nach einer Viertelstunde im Sitzen ist die Wärme aus dem Körper heraus, und die erste halbe Stunde danach läuft man ihr hinterher. Ich mache deshalb viele kurze Pausen statt einer langen, alle sechzig bis neunzig Minuten fünf Minuten, Tee, ein paar Nüsse, weiter. Gegessen wird, bevor der Hunger kommt, denn der Körper heizt mit dem, was man ihm gibt. Die Stirnlampe liegt trotzdem immer griffbereit im Deckelfach, denn ein verpasster Abzweig kostet im Dezember schnell das letzte Licht.

Auch der Ort der Pause will gewählt sein. Windschatten schlägt Aussicht, so schwer das manchmal fällt. Eine Schutzhütte, die Leeseite einer Felsgruppe, ein dichter Fichtenbestand, all das ist bei Wind zehn Grad gefühlte Temperatur wert. Ein Stück Isomatte oder ein faltbares Sitzkissen wiegt fast nichts und gehört im Winter fest in den Rucksack, denn kalter Fels und nasse Bank ziehen die Wärme schneller ab als jede Brise. Und der Klassiker: Erst anziehen, dann rasten. Die Daunenjacke kommt in dem Moment über die nasse Wandershirtschicht, in dem ich stehen bleibe, nicht erst, wenn mir kalt wird.

Der Vorabend ist im Winter die halbe Tour. Bei mir läuft das als feste Routine: Rucksack packen, Verpflegung aus dem Fach, Kanne bereitstellen, Wasserkocher vorbereiten, Stirnlampe laden, Karte und Rückwege anschauen. Morgens wird dann nur noch der Tee gebrüht, die vorgewärmte Kanne gefüllt und losgefahren. Was abends nicht gepackt wurde, fehlt erfahrungsgemäß genau dann, wenn man es braucht, und im Winter verzeiht die Tour solche Lücken schlechter als im Juli. Eine vergessene Kanne im August ist ärgerlich. Im Januar ist sie ein Grund umzukehren.

Ein Punkt, der gern untergeht: Trinken bleibt auch bei Kälte Pflicht. Man schwitzt weniger sichtbar, verliert aber über die Atemluft und unter den vielen Schichten mehr Flüssigkeit, als man merkt, und Durst meldet sich bei Kälte spät. Ich nehme neben der Kanne immer noch einen halben Liter Wasser mit, körpernah verstaut, damit er nicht durchfriert, und zwinge mich bei jeder Pause zu ein paar Schlucken, auch ohne Durstgefühl. Die Kopfschmerzen am Nachmittag, die viele für Wetterfühligkeit halten, sind erstaunlich oft einfach Flüssigkeitsmangel.

Dass sich dieser ganze Aufwand lohnt, zeigt schon ein Blick auf die Wege selbst. Wandern gehört hierzulande zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten überhaupt, aber die Verteilung über das Jahr ist krass ungleich. Dieselben Pfade, auf denen sich im Mai die Gruppen stauen, gehören einem im November fast allein. Raureif auf den Buchen, Nebel in den Tälern, Stille, die man im Sommer auf keinem Hauptweg findet. Der Preis dafür ist genau die Planung, um die es hier geht, und gemessen an dem, was man bekommt, ist dieser Preis lächerlich niedrig.

Die Mittelgebirge haben dabei ihre eigene Art von Kälte, die man nicht mit alpinen Verhältnissen verwechseln sollte. Harz, Rhön, Schwarzwald und Erzgebirge liefern selten extreme Temperaturen, dafür umso öfter diese nasse, windige Kälte um den Gefrierpunkt, die durch jede Schicht kriecht und an der Verpflegungsmoral nagt. Genau dafür ist die heiße Kanne gemacht. Bei trockenen minus zehn Grad in den Bergen friert es sich fast angenehmer als bei plus zwei Grad und Nieselregen auf dem Brocken, und wer beides kennt, packt für das zweite Szenario großzügiger.

In ein paar Wochen steht die erste Schneetour der Saison an, und das Fach im Schrank ist gefüllt. Die Kanne steht bereit, das Marzipan liegt neben den Handschuhen, und wenn alles gut geht, stehe ich wieder irgendwo oben im Wind, Handschuhe für zwei Minuten aus, Becher in der Hand. Es gibt aufwendigere Rituale im Wanderleben. Ein besseres kenne ich nicht.

Bildnachweis: Von Priscilla Du Preez [Lizenz] via Unsplash


Dieser Artikel ist im Ressort Wanderratgeber erschienen.
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