Bergwandern im Winter: Sicherheit beginnt lange vor dem ersten Schritt


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Ein verschneiter Weg, klare Luft und ein Gipfel, der im Winter oft näher und stiller wirkt als während der Wandersaison: Bergwandern verliert mit dem ersten Schnee nicht seinen Reiz. Die Bedingungen ändern sich allerdings grundlegend. Eine Strecke, die im Sommer als einfache Wanderung gilt, kann im Winter durch Eis, Schnee, kurze Tage oder einen Wetterumschwung deutlich anspruchsvoller werden. Wer in der kalten Jahreszeit in die Berge aufbricht, sollte deshalb vor allem eines mitnehmen: die Bereitschaft, Pläne den tatsächlichen Verhältnissen anzupassen.

Das beginnt bereits bei der Wahl der Tour. Höhenmeter und Kilometer allein sagen im Winter wenig darüber aus, wie anspruchsvoll eine Strecke tatsächlich sein wird. Ein nordseitiger Weg kann vereist sein, während wenige Kilometer entfernt ein sonniger Hang beinahe schneefrei ist. Tiefer Schnee kostet Kraft und Zeit, gefrorene Passagen erhöhen die Absturzgefahr. Der Deutsche Alpenverein empfiehlt deshalb, Winterwanderungen defensiver zu planen und sowohl bei der Schwierigkeit als auch bei der Dauer Reserven einzubauen.

Wetterbericht allein reicht nicht

Vor einer sommerlichen Wanderung genügt häufig ein Blick auf Regenwahrscheinlichkeit und Temperatur. Im Winter kommen weitere Fragen hinzu: Wo beginnt die geschlossene Schneedecke? Gab es in den vergangenen Tagen Neuschnee? Ist mit Vereisung zu rechnen? Wie stark weht der Wind in höheren Lagen? Und führt die geplante Route durch Hänge, in denen Lawinen eine Rolle spielen können?

Auch die Tageslänge gehört zur Tourenplanung. Im Winter setzt die Dunkelheit deutlich früher ein. Gleichzeitig kann das Vorankommen durch Schnee, vereiste Wege oder das Anlegen von Grödeln langsamer sein als erwartet. Der DAV rät deshalb zu einem Zeitpuffer von ein bis zwei Stunden vor Einbruch der Dunkelheit. Eine Stirnlampe gehört trotzdem in den Rucksack – unabhängig davon, ob die Rückkehr eigentlich für den Nachmittag geplant ist.

Entscheidend ist zudem, eine Planung nicht mit einer Garantie zu verwechseln. Die Verhältnisse vor Ort können anders aussehen als auf Karten, Webcams oder Wetterportalen. Liegt mehr Schnee als angenommen oder wird eine Passage unerwartet eisig, muss eine Route neu bewertet werden. Umkehren ist in einer solchen Situation keine gescheiterte Tour, sondern Teil vernünftiger Tourenplanung.

Angst ist am Berg nicht automatisch ein Problem

Ein interessanter Aspekt der Risikoeinschätzung findet sich im Interview mit Dominik Bartenschlager im Wintersport Safety Guide. Er warnt davor, Unsicherheit grundsätzlich überwinden zu wollen. Sein Satz: „Angst ist ein natürlicher Instinkt, der schützt.“

Gerade im winterlichen Gelände kann dieses Verständnis hilfreich sein. Wer sich auf einem vereisten Steig plötzlich nicht mehr sicher fühlt oder bei schlechter Sicht Schwierigkeiten mit der Orientierung bekommt, sollte dieses Gefühl nicht als mangelnden Mut abtun. Es kann ein Hinweis darauf sein, dass die Situation die eigenen Fähigkeiten übersteigt.

Bartenschlager verweist im Interview außerdem darauf, dass im Wintersport nicht allein die Ausrüstung entscheidend ist. Seiner Einschätzung nach liegt das Problem häufig auch in fehlender Ausbildung beziehungsweise Erfahrung. Gute Ausrüstung kann deshalb Kompetenz nicht ersetzen. Grödel helfen beispielsweise auf hartem Untergrund nur dann, wenn sie zur Situation passen und sicher eingesetzt werden können. Ein Lawinenverschüttetensuchgerät wiederum schützt nicht davor, eine gefährliche Routenentscheidung zu treffen.

Was in den Winterrucksack gehört

Die benötigte Ausrüstung hängt stark von Tour, Höhenlage und Bedingungen ab. Feste Schuhe mit gutem Profil bilden die Grundlage. Hinzu kommen warme und wetterfeste Kleidung, Handschuhe und Mütze. Sinnvoll ist das Zwiebelprinzip: Beim Aufstieg kann Kleidung abgelegt, während Pausen oder bei Wind schnell eine isolierende Schicht ergänzt werden.

Für winterliche Bergwanderungen nennt der DAV unter anderem Wanderstöcke, Grödel beziehungsweise Spikes oder leichte Steigeisen, Gamaschen, Erste-Hilfe-Ausrüstung, einen Biwaksack sowie eine Stirn- oder Taschenlampe. Ein heißes Getränk kann bei niedrigen Temperaturen ebenfalls sinnvoll sein. Welche dieser Gegenstände benötigt werden, richtet sich jedoch immer nach der konkreten Tour.

Besondere Vorsicht ist nötig, sobald die Route durch längere Schneehänge oder ungesichertes Gelände mit Lawinenrisiko führt. Dann reicht normale Wanderausrüstung nicht mehr aus. Lawinenlagebericht, Gelände- und Schneekenntnisse sowie der sichere Umgang mit LVS-Gerät, Sonde und Schaufel werden relevant. Wer diese Kenntnisse nicht besitzt, sollte entsprechende Gebiete meiden oder sich fachkundig begleiten lassen.

Schnee bedeutet nicht überall dieselbe Gefahr

Ein häufiger Fehler besteht darin, „Winterwandern“ als einheitliche Aktivität zu betrachten. Zwischen einem geräumten Winterwanderweg im Tal und einem verschneiten Bergsteig oberhalb der Waldgrenze liegen sicherheitstechnisch Welten.

Selbst wenig Schnee kann problematisch werden, wenn darunter Eis liegt oder der Weg steil und ausgesetzt ist. Auch vorhandene Fußspuren sind kein zuverlässiges Zeichen dafür, dass eine Route gefahrlos begehbar ist. Laut DAV können stark verdichtete Spuren sogar besonders glatt und schwierig zu begehen sein.

Auch Lawinen sind nicht erst auf klassischen Ski- oder Hochtouren relevant. Sobald eine Wanderroute entsprechende Hänge quert oder unterhalb von Lawineneinzugsgebieten verläuft, sollte die aktuelle Lawinensituation Teil der Planung sein. Der Lawinenlagebericht beschreibt dabei nicht nur eine Gefahrenstufe, sondern auch besonders betroffene Höhenlagen, Hangrichtungen und typische Gefahrenstellen.

Mit Kindern entscheidet nicht der Gipfel

Für Familien verschiebt sich die Sicherheitsfrage noch einmal. Kinder kühlen schneller aus, können ihre eigenen Reserven schlechter einschätzen und haben häufig ein anderes Tempo als Erwachsene.

Dominik Bartenschlager bringt die Priorität im Interview knapp auf den Punkt: „Die Sicherheit der Kinder muss immer im Vordergrund stehen.“ Besonders den Schutz vor Kälte hält er für einen Faktor, der bei kleinen Kindern unterschätzt werden kann. Ebenso wichtig sei, dass beim gemeinsamen Wintersport die Freude des Kindes und nicht der Ehrgeiz der Erwachsenen den Ausschlag gibt.

Für eine Winterwanderung heißt das praktisch: kürzere Strecken planen, mehr Pausen einkalkulieren und frühzeitig umdrehen, wenn Kälte, Müdigkeit oder schlechte Stimmung zum Thema werden.

Die sichere Tour ist nicht immer die geplante Tour

Winterliches Bergwandern erfordert nicht zwangsläufig extreme Ausrüstung oder alpine Spezialkenntnisse. Es verlangt jedoch mehr Aufmerksamkeit für Bedingungen, Zeit und Gelände. Wer einen gut präparierten Winterwanderweg wählt, bewegt sich in einer völlig anderen Risikosituation als jemand, der durch ungesichertes, verschneites Steilgelände aufsteigt.

Die wichtigste Entscheidung fällt deshalb häufig nicht unterwegs, sondern bereits bei der Planung: Passt diese Tour zu Wetter, Schneelage, Tageslicht und Erfahrung der Gruppe?

Und manchmal fällt die entscheidende Entscheidung erst am Berg. Wenn die Verhältnisse schlechter sind als erwartet, ein Hang vereist ist oder sich die Gruppe nicht mehr sicher fühlt, sollte aus einem geplanten Gipfel auch ein kürzerer Spaziergang werden dürfen. Gerade im Winter ist Flexibilität keine Notlösung. Sie gehört zur Sicherheitsausrüstung.

Bildnachweis: Von Dino Reichmuth [Lizenz] via Unsplash


Dieser Artikel ist im Ressort Wanderratgeber erschienen.
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