Eine Wanderung an der Küste wirkt auf den ersten Blick wie die entspannte Schwester der Bergtour. Kaum Höhenmeter, gut markierte Wege, das Meer immer in Sichtweite. Wer aber schon einmal einen ganzen Tag gegen steifen Westwind über einen Deich gelaufen ist, sieht das anders. An Nord- und Ostsee wirken Kräfte, die im Binnenland kaum eine Rolle spielen: Salz in der Luft, feiner Sand, der in jede Ritze dringt, eine UV-Strahlung, die der kühle Wind überdeckt, und an der Nordsee der feste Takt der Gezeiten. Diese Bedingungen setzen Körper und Material gleichermaßen zu.
Meeresluft bringt die kleineren Salzpartikel mit. Sie setzen sich, auch wenn kein Spritzer Gischt den Rucksack trifft, auf Stoffen, Schnallen und Reißverschlüssen ab. Salz ist sehr hygroskopisch und zieht daher Luftfeuchtigkeit an. Die Textilien bleiben nässer, als es das Wetter anzeigt. Trocknen die Kristalle dann wieder aus, reiben sie wie Schmirgelpapier an Fasern und Beschichtungen.
Deshalb ist es bei der Wahl von Rucksack und Packtaschen gut, Materialien zu wählen, die für den Wassersport entwickelt wurden. Die Persenning und Markisenstoffe, aus denen Bootsabdeckungen hergestellt werden, halten Salz, Wind und Dauersonne aus. Viele dieser Gewebe bestehen aus spinndüsengefärbten Fasern. Dabei wird das Farbpigment nicht, wie sonst üblich, dem fertigen Garn nachträglich angefärbt, sondern es wird bereits bei der Herstellung der Schmelze in die Kunststoffschmelze gemischt. Dadurch sitzt die Farbe nicht nur an der Oberfläche der Faser, sondern auch im Innern und bleicht unter UV-Licht langsamer aus. Wer Taschen aus Segeltuch für Proviant, Wechselkleidung oder das Fernglas benutzt, nutzt sie in Anlehnung an ihre Herkunft aus dem Bootsbau: Das Tuch ist wasserabweisend, hält jahrelange Sonnenstrahlung aus und kann nach der Strandetappe einfach mit Süßwasser ausgespült werden. Vollständig dicht ist es nicht. Für Elektronik und Ersatzsocken bleibt ein zusätzlicher Packsack nötig.
Sand ist der zweite Feind. Sandkörner dringen in Nähte, Taschenböden vor allem aber in Reißverschlüsse ein. Der Schieber, der mit Kraft bewegt wird, kann dann Zähne verbiegen oder aus dem Band reißen. Spiral- und Kunststoffreißverschlüsse sind an der Küste im Vorteil, da sie im Gegensatz zu Metall nicht rosten. Nach jeder Tour gilt die einfachste Regel: Ausrüstung mit klarem Wasser abspülen, Reißverschlüsse mehrmals durchziehen und alles an der Luft trocknen lassen. Keine pralle Sonne und keine Heizkörper.
Wind entzieht dem Körper fortlaufend Wärme. Wie stark, lässt sich mit dem Windchill-Index berechnen. Bei 5 Grad Lufttemperatur und einem Wind von 30 Kilometern pro Stunde, also Windstärke 5 auf der Beaufort-Skala, entspricht die gefühlte Temperatur ungefähr dem Gefrierpunkt. Solche Werte sind an der Küste im Frühjahr und Herbst keine Ausnahme.
Bewährt hat sich das Schichtprinzip:
Bei Regenjacken hilft die Angabe der Wassersäule. Nach der Norm DIN EN 20811 gilt ein Gewebe ab 1.300 Millimetern als wasserdicht. Bei Schlagregen, den der Wind waagerecht gegen den Körper drückt, reicht das kaum. Outdoorjacken liegen deshalb häufig bei 10.000 Millimetern und mehr. Kopf und Ohren verlieren bei Wind besonders schnell Wärme, eine dünne Mütze oder ein Schlauchtuch gehört auch im Sommer ins Gepäck.
Ein Planungstipp mit großer Wirkung: Die Route so legen, dass die Gegenwindstrecke in der ersten Tageshälfte liegt. Mit frischen Beinen fällt der Kampf gegen Böen leichter, und der Rückweg mit Rückenwind wird zur Belohnung.
Der Wind kühlt die Haut, das Warnsignal Hitze bleibt aus. Gleichzeitig verstärkt die Umgebung die Strahlung. Trockener Sand reflektiert etwa 15 Prozent der UV-Strahlung, Wasseroberflächen rund 10 Prozent, Meeresschaum bis zu 25 Prozent. In Norddeutschland erreicht der UV-Index im Juni und Juli regelmäßig Werte von 6 bis 7. Ab einem Wert von 3 gelten Schutzmaßnahmen als angeraten.
Sinnvoll sind Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor, die auch Ohren und Nacken abdeckt, eine Sonnenbrille der Filterkategorie 3 und eine Kappe mit Kinnband, damit sie nicht in der ersten Böe davonfliegt.
An der Nordsee bestimmen die Gezeiten den Tag. Zwischen zwei Hochwassern liegen rund 12 Stunden und 25 Minuten, die Zeiten verschieben sich also täglich um knapp eine Stunde. Der Tidenhub reicht an der deutschen Küste je nach Ort von knapp zwei bis rund vier Metern. Bei auflaufendem Wasser füllen sich zuerst die Priele, Rinnen im Watt, die den Rückweg abschneiden können, lange bevor das Wasser sichtbar die Füße erreicht. Wattwanderungen jenseits des Ufersaums gehören deshalb in die Hände ortskundiger, zertifizierter Wattführer.
Die Ostsee kennt kaum Gezeiten, ihr Wasserstand schwankt nur um wenige Zentimeter. Gefährlicher sind hier die Steilküsten. Lehm- und Kreidekliffs wie an der Hohwachter Bucht, am Brodtener Ufer oder auf Rügen werden laufend abgetragen. Nach Starkregen, Frost oder Sturm brechen Kanten ohne Vorwarnung ab, auf Rügen ist es wiederholt zu großen Abbrüchen gekommen. Abstand zur Abbruchkante und zum Fuß des Kliffs ist Pflicht, gesperrte Wege bleiben gesperrt.