Wer viel wandert, kennt die Qual der Wahl: Auf dem langen Tagestrek wartet abends das Kettenhotel um die Ecke oder die überfüllte Berghütte. Dabei liegt die Lösung so nah wie die Bäume: naturnahe Unterkünfte erleben immer mehr Aufwind, und das aus gutem Grund. Sie verändern die Art, wie Wanderer ihre Touren planen, erleben und im Gedächtnis halten.
Laut einer Studie des Deutschen Tourismusverbands (DTV) aus dem Jahr 2023 sind es rund 38 Prozent der Aktivurlauber, die gezielt nach naturnahen Unterkunftsformen suchen, die einen Bezug zur Umgebung herstellen. Baumhäuser, Waldhütten, Off-Grid-Apartments stehen dabei ganz oben auf der Wunschliste.
Was ist aber nun der Unterschied zwischen einem Baumhaushotel und einer klassischen Unterkunft? Der Begriff klingt nach Kindheitstraum, tatsächlich handelt es sich aber um ein vollwertiges Konzept zur Beherbergung. Ein Baumhaushotel bietet in der Regel eine vollständige Ausstattung auf einer Plattform oder in einer Konstruktion, die in oder an einem lebenden Baum befestigt ist. Die Anforderungen an Statik, Brandschutz und Witterungsbeständigkeit sind dabei identisch mit denen konventioneller Beherbergungsbetriebe, wie die Bauordnungen der einzelnen Bundesländer vorschreiben.
Was solche Übernachtungsmöglichkeiten für Wanderer interessant macht, ist deren Lage. Sie befinden sich fast ausnahmslos abseits von Ortskernen und Verkehrsachsen, oft direkt an oder in der Nähe von zertifizierten Wanderwegen. Das Zertifikat Qualitätsweg Wanderbares Deutschland des Deutschen Wanderverbands (DWV) ist dabei ein wichtiger Anhaltspunkt. Unterkünfte, die innerhalb von zwei Kilometern zu solchen Wegen liegen, haben nachweislich eine deutlich höhere Auslastung.
Studien des Umweltbundesamtes zeigen, dass naturnahe Schlafumgebungen mit niedrigem Lärmpegel unter 30 Dezibel die Schlafqualität messbar verbessern. Konkret verkürzt sich die Einschlafzeit um durchschnittlich 12 Minuten, die Tiefschlafphasen verlängern sich. Für Wanderer, die nach einem Tag voller körperlicher Anstrengung viel Regeneration brauchen, ist das nicht unwichtig.
Um ein Baumhaus in eine mehrtägige Tour einzubeziehen, ist mehr Vorlauf nötig als dies bei der Buchung eines jeden anderen Hotels der Fall ist: Die Anzahl der Kapazitäten ist begrenzt, Anreisemöglichkeiten per ÖPNV eher nicht gegeben und die Buchungsvorlaufzeiten liegen je nach Anbieter zwischen vier und zwölf Wochen. Wer eine solche Übernachtung plant, sollte zuerst die Streckenführung der Tour festlegen und dann nach passenden Unterkünften suchen, die sich in den Etappenrhythmus einfügen lassen.
Praktisch bewährt hat sich jedoch die umgekehrte Planungsrichtung: Erst die Unterkunft buchen, dann die Route darum herum basteln. Gerade auf langen Fernwanderwegen wie dem Rheinsteig, dem Malerweg in der Sächsischen Schweiz oder dem Albsteig in BadenWürttemberg gibt es genügend Streckenabschnitte, die sich flexibel anpassen lassen. Auf wanderverband.de listet der Deutsche Wanderverband zertifizierte Touren samt GPS-Daten, die sich zur Planung solcher Touren anbieten.
Wird das Gepäck geplant, finden sich naturnahe Unterkünfte ohne unmittelbaren Straßenanschluss. In diesem Fall muss dann das gesamte Gepäck zu Fuß transportiert werden. Wanderer, die einige Nächte in einem Baumhaus verbringen, nutzen es jedoch häufig als Basislager für kürzere Tagestouren, sodass das tägliche Gepäckgewicht erheblich sinkt. Diese Hub-and-Spoke-Variante wird von immer mehr Outdoor-Guides und Wanderschulen empfohlen.
Wer technisch informiert ist, muss bei Unterkünften im Wald mit schlechterem Mobilfunkempfang rechnen. Eine offline heruntergeladene Karte und ein vollgeladener GPS-Tracker gehören zur Grundausstattung. Einige Anbieter stellen ihren Gästen auch DECT-Geräte zur Verfügung.
Mit dem wachsenden Marktsegment sind auch die Anbieter gestiegen, deren Angebot den Begriff naturnahe Unterkunft vor allem als Marketingversprechen benutzen. Für den Wanderer, der Wert auf ökologische Konsistenz legt, gibt es einige Kriterien zur Unterscheidung.
Das europäische Umweltzeichen EU Ecolabel für Beherbergungsbetriebe prüft unter anderem Energieverbrauch, Wassernutzung, Abfall und den Einsatz von Reinigungsmitteln nach definierten Grenzwerten. In Deutschland vergibt der DEHOGA (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Tourismusverband das Zertifikat Nachhaltiger Betrieb, das vergleichbare Kriterien anlegt. Wer beim Anbieter konkret nach diesen Nachweisen fragt, erhält schnell einen klaren Eindruck.
Für Baumhäuser ist die Baumverträglichkeit der Konstruktion ein wichtiges Kriterium. Professionelle Anbieter verwenden dafür Baumpfleger oder Forstwirte, die sogenannte Garnier-Limb-Schrauben oder ähnliche Systeme einbauen, die dem Baum nicht schaden. Und ihre Konstruktionen sind statisch tragende Stützkonstruktionen, die keinerlei Einfluss auf den Baum haben. Nach diesem Unterschied sollte man beim Buchen gezielt fragen.
Energieversorgung ist ein weiterer Punkt. Eine Photovoltaikanlage mit kleinem Batteriespeicher ist für eine entlegene Unterkunft inzwischen der Standard. Komposttoiletten, Regenwassernutzung und Bezug der Speisen aus nächster Umgebung ergänzen ein nachhaltig orientiertes Konzept. Wer all das auf der Webseite seines Angebotes gut sichtbar kommuniziert, also bestenfalls noch mit Verweis auf Zertifikate oder Prüfberichte, ist in der Regel der seriösere Anbieter.
Zielgerichtet nach solchen Unterkünften suchen lässt sich über die Portale naturerlebnisse.de oder das des Bundesamtes für Naturschutz (bfn.de). Beide listen Angebote, die sich innerhalb oder unmittelbar angrenzend an Schutzgebiete befinden und verweisen auf die jeweils geltenden Regeln für die Nutzung.
Der Aufenthalt in solch einer naturnahen Unterkunft ist letztlich mehr als eine logistische Entscheidung. Er verändert die Wahrnehmung der jeweiligen Tour. Wer morgens aus der Baumplattform steigt, Nebel über dem Tal sieht und dann gleich in den ersten Anstieg des Tages, hat ein anderes Verhältnis zur Route als derjenige, der aus dem Hotelbett aufsteht und erst zur Wanderung anreist. Jenen Unterschied beschreiben Kenner der Weitwanderung immer wieder als den qualitativen Sprung, den keine noch so perfekte Ausrüstung ersetzen kann.