Kannenbäckerland

Beitrag erstellt 22.07.2009 - 09:54 von tomtom

Die Kannenbäcker und das Eulerhandwerk prägend die Kulturlandschaft Kannenbäckerland am südwestlichen Rand des WesterwaldsDas Kannenbäckerland ist eine Kulturlandschaft im südwestlichen Westerwald, die nicht durch Landschaftscharakteristika, sondern durch eine gemeinsame Industrievergangenheit gebildet wird. Das Kannenbäckerland zieht sich vom Rheintal im Westen bis an den Oberen Westerwald im Osten und wird südlich von der Montabaurer Höhe im Naturpark Nassau und nördlich vom Naturpark Rhein-Westerwald begrenzt.

Der Stoff, aus dem die Kannen sind, ist der Ton, der sich im Westerwald in dem größten zusammenhängenden Tonvorkommen Europas findet. Bereits die Kelten und Römer nutzten den Werkstoff, um daraus Gebrauchs- und Ziergegenstände zu fertigen. Aus dieser Zeit leitet sich auch der Name „Euler“ ab, wie sich die Töpfer heute noch nennen. Der Name Euler kommt vom lateinischen „aula“, das neben der Bedeutung „Hof“ oder „Saal“ (daher die Schul-Aula) auch „Topf“ heißt.
 
Das Euler-Handwerk begann seinen Siegeszug nach dem 30jährigen Krieg. Neben einfachen Gebrauchsgegenständen wurden zunehmend auch Kunstgegenstände gefertigt. Das lag am Zuzug von Handwerksmeistern aus anderen Regionen Deutschlands. So bildete sich schnell etwas, was man heute Kompetenzzentrum nennen würde: Wer aus Ton hochwertige Keramik brennen wollte, ging ins Kannenbäckerland.
 
Die Hauptorte der Tonindustrie entwickelten sich von den Hauptabbaugebieten bei Wirges hinunter zum Rhein. In Wirges wurde gefördert, in den westlichen Gemarkungen Höhr-Grenzhausen und Ransbach-Baumbach verarbeitet und am Rhein bei Bendorf und Vallendar gelagert und in die Absatzmärkte transportiert. Entlang dieser „Wertschöpfungskette“ von Ost nach West drehte sich fast alles über Jahrhunderte um das „weiße Gold“, und deshalb wird die Region dieser fünf Gemeinden seit dem 18. Jahrhundert als Kannenbäckerland bezeichnet.
 
Der Vulkankegel des Malberg erhebt sich über Moschheim im KannenbäckerlandWirges ist geprägt durch den Abbau von Ton. Verschiedene mittlerweile stillgelegte Tongruben wie der Erbsengarten bei Staudt sind heute schöne Wanderziele mit interessanten Natureindrücken. Auch in Moschheim am imposanten Vulkankegel Malberg (422m) wurde jahrelang Rohmaterial für die Glasherstellung gewonnen. In Siershahn dokumentiert das Tonbergbaumuseum in einer ehemaligen Grubenanlage den technischen Teil der Tongewinnung. Wirges selbst ist Standort der Pfarrkirche St. Bonifatius, die aufgrund ihrer Dimensionen auch Westerwälder Dom genannt wird.
 
Unterwegs im Brexbachtal zwischen der Nauorter Hochfläche und dem Schloss SaynRansbach-Baumbach mit den umliegenden Gemeinden schließt sich westwärts an. Landschaftlich unterscheiden sich drei Gebiete: Die Töpferstadt Ransbach-Baumbach, die Haiderbachgemeinden Breitenau, Deesen, Wittgert und Oberhaid im Norden und die Nauorter Hochfläche im Westen. In Ransbach-Baumbach lohnt auf jeden Fall ein Ausflug zu den Landshuber Weihern und ins Sumpfquellgebiet des Brexbachs. Richtung Haiderbach ins Tal der Sayn kommt man in schöne waldreiche Gegenden und erreicht u.a. das Hofgut Adenroth mit dem Blumenthalsweiher und den Rembserhof. Nauort liegt im Burgendreieck von Isenburg, Sayn und Grenzau. Der Ort profitierte von den Bimsablagerungen, was ihm neben der Tonverarbeitung ein zweites industrielles Standbein verschaffte.
 
Die Kannenbäckerstadt Höhr-Grenzhausen ist seit alters her Zentrum der weiterverarbeitenden Industrie. Noch heute arbeiten zahlreiche Handwerksbetriebe, die bei einem Rundgang auf den Spuren der Keramik“ vom Keramikmuseum Westerwald aus entdeckt werden können. Nördlich von Höhr-Grenzhausen liegt in Hilgert das ehemalige Zentrum der Pfeifenbäcker – der Hersteller der beliebten weißen Tonpfeifen. Im Süden in Richtung Vallendar erreicht man das Limes-Dorf Hillscheid. Der nachgebaute Limes-Turm und die rekonstruierten Grundmauern eines alten Kastells werden begleiten von einem kleinen Museum und einem römischen Garten.
 
Das Weinhaus Meffert (heute Gasthaus zur Traube) ist eines der schönen historischen Gebäude im Stadtkern von Vallendar im KannenbäckerlandSchon am Rhein liegt Vallendar, der Umschlagplatz für die Tonprodukte aus Ransbach-Baumbach und Höhr-Grenzhausen. Vallendar ist heute Sitz der Otto Beisheim School of Management und – am Berg Schönstatt gelegen – der Schönstatt Bewegung, einer katholischen Organisation, die von Pater Josef Kentenich gegründet worden ist. Die Innenstadt verfügt über viele schmuck restaurierte historische Gebäude, wie zum Beispiel den Wiltberger Hof, die Alte Schule oder das alte Rathaus. Auch die größte Hallenkirche am Mittelrhein steht in Vallendar und imponiert mit ihren Dimensionen. Ein Abstecher zur Rheininsel Niederwerth mit dem benachbarten Naturschutzgebiet Graswerth bietet sich an.
 
Die Doppelkirche St. Medardus in Bendorf am Rhein hat einen evangelischen und einen katholischen Teil und einen Kirchturm der der Stadt gehörtVerlässt man Vallendar über Weitersburg kommt man über die Höhe mit schönem Rheinblick nach Bendorf. Hier empfängt einen die Doppelkirche St. Medardus mit evangelischem Teil und katholischem Teil. Der Kirchturm gehört beiden nicht, sondern der Stadt Bendorf. Neben Ton gehörten in Bendorf auch seit alters her die Herstellung von Eisen zu den Einnahmequellen. Die denkmalgeschützten Röstöfen an der Vierwindenhöhe erinnern an diese Zeit.
 
Das restaurierte Schloss Sayn in Bendorf-Sayn sieht heute wieder aus wie neu. Der benachbarte Schlosspark mit dem Garten der Schmetterlinge zählt zu den Höhepunkten am Mittelrhein und im KannenbäckerlandWendet man sich von Bendorf wieder in Richtung Westerwald kommt man nach Sayn. Hier wartet nicht nur die Burg Sayn – der frühere Stammsitz des Hauses Sayn-Wittgenstein – auf einen Besuch. Die restaurierten Schlossanlagen mit dem Landschaftspark, in dem Brexbach und Saynbach zusammenfließen, und der Garten der Schmetterlinge sollten bei keiner Reise durch das Kannenbäckerland fehlen. Von Sayn aus kann man durch das Brexbachtal in Richtung Nauorter Hochfläche durch hügeliges und waldreiches Gelände hervorragend wandern. Eine gut ausgewiesene Streckenführung schlägt der 15km lange Saynsteig vor, der als Traumpfad ausgezeichnet ist.
 
Das Kannenbäckerland liegt entlang der Autobahn A 48 (verbindet die A 1 von der Vulkaneifel mit der A 3 bei Dernbach). Quer durch das Gebiet führt die Kannenbäckerstraße, die in einem Nordostbogen von der Bundesstraße B 49 bei Neuhäusel zur B 255 bei Boden führt.

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